B. Michel
Prof. Dr. Burkard Michel
HDM Stuttgart | Fakultät Electronic Media
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Anarchische Bilder. Fotografie als interaktive Struktur.
Versteht man das Tagungsmotto „Undisziplinierte Bilder. Fotografie als dialogische Struktur“ nicht im Sinne Mitchells als Zuordnungsdilemma von Bildern zu einer wissenschaftlichen Disziplin, sondern unter rezeptionstheoretischem Aspekt als Unkontrolliertheit der Bilder – genauer: als Unkontrollierbarkeit des Bildsinns, dann fallen zwei Dimensionen der „Aufmüpfigkeit“ bzw. der Anarchie von Bildern ins Auge: Bereits in den 1960er hatte Karl Pawek festgehalten, dass sich Fotografien gegen die „Begriffs-Diktatur“ der Sprache auflehnen, da ihr Sinn nicht vollständig unter das starre Raster sprachlicher Begriffe subsumierbar sei. Als wesentliches Merkmal des pictorial turn konstatiert auch Mitchell, „dass visuelle Erfahrung oder ‚die visuelle Fähigkeit zu lesen‘ nicht zur Gänze nach dem Modell der Textualität erklärbar sein dürften.“ (Mitchell: Bildtheorie, S. 108). Dies stellt eine stark logozentrisch ausgerichtete Sozialwissenschaft vor erhebliche methodische Probleme, will sie genuin bildliche Bedeutungsangebote adäquat erfassen. Wie ungezogene Kinder verhalten sich Fotografien aber auch, wenn man sie zu bestimmten Kommunikationszwecken – bspw. im Bereich der Werbung – heranziehen möchte. Auch hier zeigen sie widerständiges Potential, indem ihr Sinn u.U. unkontrolliert in bisweilen „dysphorische Werte“ ausschwärmt (wie Roland Barthes dies in seiner Rhetorik des Bildes (ebd. S. 35) ausgedrückt hat) anstatt brav die Absichten des Absenders zu erfüllen: Der Bildsinn, wie er von den Betrachtenden realisiert wird, entzieht sich der Steuerungs- und Verfügungsmacht des Bildproduzenten. Erst in der Interaktion (bzw. im ‚Dialog‘) mit den Rezipierenden entsteht der Bildsinn. Beide Dimensionen der Widerborstigkeit von Bildern – ihre Eigenständigkeit gegenüber dem Subsumtionsraster der Sprache, als auch ihre nur schwer zu steuernde und dadurch oftmals polyseme Sinnstruktur – werden zur Herausforderung der Bildrezeptionsforschung. Wie eine praxeologische Rezeptionsforschung mit diesen Herausforderungen umgeht, zeigt der Tagungsbeitrag und diskutiert Auswirkungen für die gestalterische Fotopraxis. Theoretisch schließt die praxeologische Rezeptionsforschung an die Habitustheorie Pierre Bourdieus an, methodologisch an die Dokumentarische Methode Ralf Bohnsacks. Der Blick wird dadurch gelenkt auf eine vor-begriffliche Erkenntnisweise, die ganz wesentlich kollektiv fundiert ist. Die Rezipierenden bringen in ihren ‚Dialog‘ mit dem Bild ein praktisches und atheoretisches Wissen mit ein, das in ihrer milieuspezifischen Erfahrungsaufschichtung wurzelt. Dadurch kommt es zu einer Vielfalt von ‚Lesarten‘, die milieutypische Merkmale aufweisen. Der Sinn eines Bildes erscheint so in sozial und historisch unterschiedlichen Ausprägungen, die Betrachtung eines Bildes ist sozial und historisch durchwirkt.
